Leben in einer ehemaligen NS – Mustersiedlung

Die Konradsiedlung im Nordosten Regensburgs besitzt innerhalb der lokalen Bevölkerung einen tendenziell verpönten Ruf. Schlagwörter wie Kriminalität, Armut und Gewalt werden häufig mit ihr assoziiert. Doch das war nicht immer der Fall. Mittels Interviews und historisch-archivalischen Quellen wird in diesem Blogeintrag der historische Transformationsprozess der ehemaligen Schottenheimsiedlung1 zur Konradsiedlung nachvollzogen und sich zwei Hauptfragen gewidmet: Welches Wissen wurde über die NS-Vergangenheit der Siedlung bewahrt? Inwiefern lassen sich anhand baulicher Veränderungen der untersuchten Gebäude soziale, politische und ökonomische Prozesse innerhalb der Siedlung feststellen? Im Folgenden werden daher zuerst meine Interviewpartnerinnen vorgestellt. Im Anschluss daran erfolgt ein Überblick über die historische Gewordenheit der ehemaligen NS-Mustersiedlung. Daran anschließend erfolgt eine Skizzierung des umbauten Raums, mit einer Fokussierung auf die Danzinger Freizeit, den St. Konrad Kindergarten sowie die St. Konrad Schule. Abschließend wird der Befund in einen größeren kulturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext eingebunden und reflektiert.
Meine erste Interviewpartner*innen dieser Arbeit ist die 58-jährige Carmen Schneider aus Regensburg. Die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellt verbrachte ihre Kindheit und Jugend in der Konradsiedlung und teilt ihre persönlichen Erfahrungen zur Entwicklung der Siedlung in den 1970er und 1980er. Über den weiteren Prozess in der Siedlung ab Mitte der 2000 Jahre bis heute gibt mein zweites Interview mit dem 23-jährigen Erik Reiswig, Student der Informationswissenschaften an der Universität Regensburg und wohnhaft in der Konradsiedlung Aufschluss. Die beiden Interviews fanden, gestützt durch einen Interviewleitfaden und situativen Fragen, jeweils auf den Terrassen der Interviewpartner statt.

Zur Vorgeschichte bzw. die Einordnung in historischen Kontext: Angestoßen und aktiv vorangetrieben wurde der Bau der ursprünglichen Schottenheimsiedlung vom ehemaligen SS-General und Oberbürgermeister der Stadt Regensburg Otto Schottenheim. Vorausgegangen waren Forderungen nach zusätzlichem Wohnraum in der demografisch stark anwachsenden (Groß-) Stadt Regensburg am Anfang des 20. Jhd. Das zwischen den Jahren 1933 und 1941 erbaute Siedlungsgebiet sollte Entlastung bringen und zu Beginn als Eigenheimsiedlung für ärmere Bevölkerungsschichten fungieren.2 Neben dem formulierten Ziel den steigenden Bevölkerungszuwachs der Innenstadt zu bekämpfen, sollte eine arische, autarke und „erbgesunde“ Mustersiedlung in Regensburger Umgebung etabliert werden.3 Diese war der nationalistischen Ideologie unterworfen, die aktiv von Schottenheim unterstützt und durchgesetzt wurde. Der Bau der Siedlung erfolgte in vier Bauetappen. Das Siedlungsgebiet „Harthof“ mit 265 Siedlerstellen wurde zumeist durch Eigenleistung von arbeitslosen Männern bzw. Familien in den Jahren 1933/34 erbaut. In der zweiten Etappe 1935/36 expandierte die Schottenheimsiedlung 1935/36 mit 185 Siedlerstellen in das Gebiet des „Brandlbergs“. Daneben wurde der Bau der Kirche im gleichen Jahr vorangetrieben, was eine „Besonderheit der Siedlung“ darstellt. Im gleichen Jahr erfolgte die Erschließung des „Reichen Winkels“. Die Bebauung des begehrten „sonnigen Südhangs“ war 1937 die letzte Etappe. Mit mehr als 400 Siedlerstellen entspricht der Südhang der größten Expansion der Siedlung. Es bestand die Möglichkeit für Privatsiedler innerhalb des Südhangs Land zu erwerben und nach eigenem Belieben auszubauen. Nach dem zweiten Weltkrieg betrug die Zahl der Siedler rund 5000 und die Siedlung wurde nach dem Patron der Siedlungskirche in Konradsiedlung unbenannt. Durch den stetigen Zuzug von Geflüchteten, insbesondere aus den Ostgebieten, schwellte die Einwohnerzahl bis 1948 auf 12.000 an.4
Die Architektur und Bauweise der Häuser in der Schoppenheimsiedlung sollte in typischer nationalistischer Ideologie „das Bild der Landschaft ebenso wie die Stammeseigenschaft ihrer altbairischen Bevölkerung“5 widerspiegeln. Als Idealmodell für die entstandenen Haustypen der Siedlung fungierte das angebliche „Oberpfälzer Haus“. In seiner Bauart zumeist eingeschossig mit Steildach, zeichnet sich das „Oberpfälzer Haus“6 durch eine „Putzbandgliederung an den Giebelseiten“7 aus. Aufgrund der einheitlichen Gesamtgestaltung der Siedlungshäuser dominieren hauptsächlich zwei Haustypen, welche in Größe variieren. So finden sich in den Siedlungen neben dem Einfamilienhaus in Form einer Doppelhaushälfte auch das freistehende Einfamilienhaus.8

Die in der Einleitung genannten Gebäude (Danzinger Freiheit, St. Konrad Kindergarten, St. Konrad Schule) sind im ehemaligen Gebiet des Harthofs zu verordnen und daher der ersten Bauetappe der Siedlung zuzuschreiben.

Innerhalb der Schottenheim – Siedlung fungierte die Propagierung der Volksgemeinschaft als eines der höchsten Güter der nationalistischen Ideologie. Durch die Etablierung einer „Volksgemeinschaft“ in der Siedlung, sollte ein übergreifender nationaler Zusammenhalt geschaffen werden.

Carmen S.: Ja, das ist eben, wie es das schon erwähnt gehabt.Das ist eigentlich positiv. Und jedes Jahr war da das Siedlerfest, eben um den Brunnen herum.Und da sind alle gekommen, also alle von der Argonnenstraße oder da von der Aussigerstraße,Pommernstraße, Wutzelhofen, da sind alle Leute gekommen und haben gefeiert.Und das war wirklich immer schön.“
Das antwortete Carmen S. auf die Frage, welche Erinnerungen sie mit dem Ort Danzinger Freiheit verbindet. Dabei zeigt sich, dass trotz der negativen Konnotation des „Ortnamens“ die Danzinger Freiheit innerhalb des Zeitraums 1970 und 1980 als ein Ort des gemeinschaftlichen Zusammenkommens fungiert. Dies bezieht sich auf das alljährliche Siedlerfest, das jedes Jahr in den Sommermonaten stattfindet und vom örtlichen Siedlerverein seit 1933 veranstaltet wird. Für Carmen S. überwiegt daher der Aspekt der Gemeinschaft und des gemeinschaftlichen Beisammensein. Dabei ist sie jedoch die einzige Interviewpartner*in, die mit diesem Ort den Aspekt der Gemeinschaft verknüpft. Über das nationalistische Gewordensein der Siedlung bzw. der Danzinger Freiheit war der Interviewpartnerin vor dem Interview nichts bekannt.
Carmen S.: Nein, also ich habe über eben solche Sachen noch nie etwas gehört.
Hierbei unterscheidet sich Carmen S. grundlegend von Erik R. Dieser verbindet mit der Danzinger Freiheit vermehrt die negativen Konnotation des Namens.
Erik R.: (…) aber ich finde es halt ziemlich schade, dass es halt immer noch so quasi zentral in der Gegenwart ist und ja, ich wäre nicht, ich würde es nicht ablehnen, vielleicht manche Sachen zu ändern oder halt umzubenennen.
Bei einer erneuten Nachfrage, war auch das Siedlerfest, das an der Danzinger Freiheit stattfindet für Erik S. kein Begriff. Eine Verankerung in der „Siedlergemeinschaft“ der Konradsiedlung ist für Erik S. daher nicht vorhanden. Es zeigt sich, das bei Carmen S. die kindlichen Erinnerungen an das Siedlerfest überwiegen, während für Erik R. der „belastete Straßenname“ von diesem als negativ betrachtet wird. Dieser Fakt ist jedoch sehr interessant, da die „Siedlerfeste“ seit der NS – Herrschaft an der Danzinger Freiheit stattfinden. Das bedeutet gleichzeitig, das die Danzinger Freiheit heute wie damals als ein Ort der Zusammenkunft und Gemeinschaft verwendet wird. Die soziale und gesellschaftliche Funktion der Danzinger Freiheit ist daher erhalten geblieben. Bei beiden Befragten zeigt sich jedoch ein Muster, das auf eine fehlende Erinnerung an das historische Gewordensein des Ortes hinweist:
Erik R.: (…)aber so halt von irgendwelchen nationalsozialistischen Zügen oder sowas habe ich jetzt nichts mitbekommen beim Aufwachsen. Das habe ich erst dann später halt rausgefunden, wie die Entstehung der Siedlung war.

Die heutige St. Konrad – Schule wurde nach deren Fertigstellung 1934 nach dem verstorbenen Gauleiter der Bayrischen Ostmark Hans – Schlemm benannt. Die Schule fungierte als Bildungseinrichtung für die Siedlerkinder der Schottenheimsiedlung. Aufgrund der nationalistischen Ideologischen Konnotation, lässt sich die Schule auch als Ort der Indoktrination interpretiert werden. Nach Ende des zweiten Weltkriegs blieb die Schule als Bildungseinrichtung bestehen und wurde ebenso wie die Siedlung nach dem Patron der Siedlungskirche benannt. Auch meine Interviewpartner*innen äußerten sich zu der St. Konrad – Schule im Interview:
Carmen S.: Aber erst in der Hauptschule, erst ab der sechsten Klasse.
Die Funktion des Schulgebäudes blieb also bis heute konstant. Zudem wurde die Schule im Verlauf der 1950er u. 1960er zu einer Grund- und Hauptschule ausgeweitet. Im Anbetracht der stark gestiegenen Einwohnerzahl der Konradsiedlung, lässt sich diese als mögliche Erklärung aufzeigen. Die Erinnerung an die Schulzeit ist bei Erik R. stark mit der Schulerfahrung und gemeinsamen Klassenkameraden an sich verknüpft.
Erik R.: Also in der Schule war es eigentlich immer ziemlich entspannt, weil die Schule ziemlich groß war und wir waren viele gemischte Kinder aus verschiedenen Kulturen und die Lehrer waren auch alle ziemlich nett und verständnisvoll. Äh, wir hatten auch schon früh die Gelegenheit mit, äh, behinderten Kindern, äh, zu interagieren(…)“
Die Schule entwickelte sich daher zu einer multiethischen und multinationalen Bildungseinrichtungen, in der die Kinder aller Bewohner der Siedlung zusammenkommen und interagieren. Auch die Fläche der Schule hat sich bis Mitte der 2000er Jahre erneut vergrößert. Wie auch bei der Danzinger Freiheit, war den Interviewpartnern keine Information zu der völkisch – nationalen Gewordenheit des Gebäudes vorhanden. Das „Hauptgebäude“ der St. Konrad – Schule lässt sich bis heute nachvollziehen.

Die Erforschung der Konradsiedlung lässt auf eine Verknüpfung der Wahrnehmung mit Erinnerungen, Vergessen und Umdeutung schließen. Die untersuchten Orte verfügen über eine von Generation zu Generation neu definierte Bedeutung. Der Name Danzinger Freiheit entspringt der NS-Zeit und wird dennoch in den persönlichen Erinnerungen von Carmen Schneider mit Festivitäten und positiven Aspekten verbunden. Erik Reiswig hingegen empfindet den Namen aufgrund seiner nationalistisch-völkischen Konnotation als störend.
Ähnlich verhält es sich mit der St.-Konrad-Schule. An einem Ort, der zu Beginn der nationalen Homogenität dienen sollte, befindet sich heute ein Gebäude, in dem Diversität und Inklusion Alltag sind. So beschreibt Erik Reiswig die Schule als einen Ort, an dem Kinder mit verschiedensten Herkunftsländern und Kulturen gemeinsam lernen. Beide Orte geben Hinweise darauf, wie Räume im Laufe der Zeit ihre gesellschaftliche Bedeutung verändern.
Als weitere Erkenntnis kann das aktive Verschweigen der historischen Entstehungsgeschichte der Konradsiedlung hervorgehoben werden. Keiner der beiden Interviewpartner*innen war sich der nationalistischen Vergangenheit und ideologischen Konnotationen der Gebäude bewusst. Ereignisse und Erinnerungen aus der Zeit des „Dritten Reichs“ wurden weitgehend verdrängt oder bewusst verschwiegen. Gleichzeitig blieben in dieser Zeit entstandene Strukturen und Rituale wie die Siedlervereinigung Regensburg e.V. oder das jährlich stattfindende Siedlerfest nach 1945 bestehen. Die Gebäude und Orte verfügen über neue Bedeutungen, während das historische Gewordensein der Konradsiedlung im kollektiven Gedächtnis in den Hintergrund tritt.
Vergessen ist jedoch nicht gleich Reflektieren. Daher überrascht es am Ende auch nicht, dass das CSU-Mitglied Josef Mös die Auffassung vertritt, Schottenheim sei ein „wohltätiger Humanist, dem statt Ehre Unrecht widerfahren sei“9. Die Untersuchung der Konradsiedlung zeigt daher, dass eine tiefgründige Reflexion der NS-Vergangenheit Deutschlands weiterhin relevant ist.
Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive lässt sich anhand der Konradsiedlung gut nachvollziehen, wie mit Orten mit ideologisch belasteter Vergangenheit umgegangen wird, wenn keine kritische Erinnerungsarbeit geleistet wird: Orte erhalten eine neue Bedeutungszuschreibung, anstatt aufgearbeitet zu werden. Zusammenfassend lässt sich in der Konradsiedlung daher ein kollektives Vergessen feststellen. Materielle Strukturen bleiben erhalten, doch der eigentliche Grund und die Herkunft der Gebäude werden – bewusst? – vergessen bzw. mit neuen Bedeutungen überformt.
- Auch wenn der Begriff Schottenheimsiedlung mittlerweile negativ konnotiert ist, wird er zum besseren Verständnis in diesem Blogeintrag trotzdem verwendet. ↩︎
- Vgl. Maier, Stefan: Schottenheim. “Die neue Stadt bei Regensburg als Völkische Gemeinschaftssiedlung. S.82 ↩︎
- Vgl. Ebd. S.112f. ↩︎
- Bauer, Karl: Regensburg. Kunst-, Kultur- und Alltagsgeschichte. 6. Auflage. Regenstauf. 2014. S.756 – 757. Hier. S.756f. ↩︎
- Baufibel. 1940. S.5. ↩︎
- Ebd. S.6. ↩︎
- Maier, Stefan: Schottenheim. “Die neue Stadt bei Regensburg” als Völkische Gemeinschaftssiedlung. S.121f. ↩︎
- Vgl. Ebd. S.122f. ↩︎
- Vgl. Regensburg – digital. (URL: Der SS-General Schottenheim – ein Mann mit humanen Ideen.) ↩︎
