Wer grüßt, wer hilft, wer stört? Nachbarschaft im Speckgürtel Regensburgs
Kaum eine soziale Beziehung wird so selbstverständlich wahrgenommen wie die zur eigenen Nachbarschaft. Sie bildet eine mitmenschliche Konstante, die Teil des alltäglichen Lebens ist. In diesem Beitrag stehen die Ausgestaltung und Wahrnehmung dieser im Fokus.
Nachbarschaft als Forschungsgegenstand
Der Begriff ‚Nachbar‘ geht auf das mittelhochdeutsche ‚nachgebure‘ zurück, das nach dem Etymologischen Wörterbuch des Deutschen primär die Nähe des Wohnorts beschreibt, zudem mit den Begriffen ‚nah‘ und ‚Bauer‘ in Verbindung steht. [1] Es wird deutlich, dass die physische Nähe für Nachbarschaft die grundlegende Bedingung ist. Damit jedoch aus dieser auch eine soziale Beziehung entsteht, bedarf es laut dem Soziologen Walter Siebel weiterer Aspekte: „gemeinsame Interessen, übereinstimmende Verhaltensnormen, Ähnlichkeiten der sozialen Lage und des Lebensstils.“[2]
Ein Kernaspekt der kulturwissenschaftlichen Nachbarschaftsforschung ist ihr Wandel. Während die Forschung traditionelle ländliche Nachbarschaftssysteme lange idealisierte und teilweise noch idealisiert, widmen sich aktuellere Projekte auch urbanen Nachbarschaftsstrukturen. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Nachbarschaft im suburbanen Raum, auch genannt Speckgürtel, welcher nicht Stadt nicht Land ist, vielmehr eine Zwischenform. Wie sieht Nachbarschaft heute aus? Sind Nachbarschaftsbeziehungen noch erwünscht oder handelt es sich um ein idealisiertes Klischee, das heute so nicht mehr angestrebt wird? Vor dem Hintergrund der einführenden Überlegungen wird der Frage nachgegangen, wie Nachbarschaft im Speckgürtel Regensburgs, konkret im Stadtteil Burgweinting, heute gelebt und empfunden wird.
Für die Bearbeitung der Fragestellung bildet eine Literaturrecherche die theoretische Grundlage. Zudem wurden mehrere Gespräche und Interviews geführt, um reale, qualitative Einblicke zu erhalten. Bei den ausgewählten Interviews, die die Basis für diesen recht überschaubaren Beitrag bilden, handelt es sich um Gespräche mit zwei Studierenden, beide Anfang 20 und auf unterschiedliche Weise mit Burgweinting verbunden.
Kulturwissenschaftliche Nachbarschaftsforschung
Die Kulturanthropologin Christina Besmer liefert in ihrer Arbeit einen Überblick über die Entwicklung der kulturwissenschaftlichen Nachbarschaftsforschung. Sie erläutert, dass Nachbarschaft ab den 1940ern als Forschungsthema des Fachs, damals noch unter dem Namen Volkskunde, präsent ist. Beginnend bei ideologiebelasteten Ansätzen Ernst Lehmanns aus dem Jahr 1944 und der damaligen Fokussierung auf historische, traditionelle und ländliche Sphären, zeichnet sie schrittweise die Entwicklung hin zur Öffnung zur gegenwartsorientierten, städtischen Nachbarschaftsforschung in den1980ern und 90ern nach. Als eine wiederkehrende Erkenntnis des Fachs erfasst Besmer die Annahme einer Auflösung traditioneller nachbarschaftlicher Strukturen. Ihr Überblick endet mit den 1990er Jahren.
Es zeigt sich, dass Nachbarschaft, wie so vieles des alltäglichen Lebens, einem stetigen Wandel unterliegt. Kontinuität bildet eher die Ausnahme, weshalb es einer wiederkehrenden Neubetrachtung des Alltäglichen bedarf.
In Kontakt kommen
Um diese Neubetrachtung umzusetzen, wurden für diesen Beitrag zwei Studierende aus Burgweinting interviewt. Die Lehramtsstudentin Lena M. (23) zog vor zwei Jahren für ihrem Freund nach Burgweinting. Sie wählten ihre erste gemeinsame Wohnung dort, da sie mit dem Hund ins Grüne wollten, es für die Arbeit ihres Partners sinnvoll war und Mietpreise in Burgweinting nicht ganz so schmerzhaft sind, wie in der Innenstadt. Der Architekturstudent Elias K. (22) hingegen kam im Alter von 10 Jahren mit seiner Mutter aus Griechenland nach Deutschland und lebte seine gesamte Jugend im Regensburger Vorort. Er besuchte die dortige Schule und lebt heute mit seiner Partnerin in Regensburg.
Nachbarschaftskontakte und ihre Entstehung
Wie anfangs bereits erwähnt, hängt die Entstehung einer sozialen Beziehung von mehreren Faktoren ab. Die beiden Studierenden gaben an, dass die meisten Kontakte sich auf Grußkontakte beschränken. Beide haben anfangs bei ihren Nachbar:innen geklingelt und sich vorgestellt. Lena brachte sogar einen Kuchen mit und es entstand eine Bekanntschaft mit der gegenüberliegenden WG, sodass sich beide Haushalte gegenseitig mehrmals zum Essen einluden. Elias erhielt auf seine Initiative wenig Resonanz, seine nachbarschaftlichen Kontakte beschränkten sich auf die, die er bereits durch die Schule kannte. Weshalb gelingen manche Kontaktversuche und andere nicht? Zum einen hängt das Gelingen von den jeweiligen Persönlichkeiten ab, ebenso von dem Interesse des Gegenübers an einem Beziehungsaufbau. Der Soziologe Walter Siebel benennt „soziale und kulturelle Homogenität“ als begünstigenden Faktor. [4]
Elias erzählte, dass seine Mutter aus dem gesamten Wohnblock mit zwei Frauen Nachbarschaftsbeziehungen pflegt, die aus derselben Region in Griechenland kamen und folglich auch dieselbe Muttersprache sprechen. Luisa erklärte, dass es mit der WG einfach war in Kontakt zu kommen, mit den restlichen Nachbarn eher schwerer, da hier ein deutlicher Altersunterschied vorhanden war und sich die Personen in anderen Lebenssituationen befanden. Hiermit soll nicht gesagt sein, dass es keine heterogenen Nachbarschaftskontakte geben kann, jedoch wird deutlich, dass Ähnlichkeiten die Entstehung einer sozialen Beziehung begünstigen.
Räume der Nachbarschaft
Um heutige Nachbarschaftsbeziehungen zu erfassen, ist es relevant nachvollziehen zu können, wo sich Interaktionen abspielen. Das Grüßen ereignet sich meist vor den Haustüren und auf den Fluren der Mehrfamilienhäuser. Im Fall von Lena luden sich die Haushalte in die jeweiligen Wohnungen ein. Elias hingegen erwähnt für die Jugendlichen als wichtigen Dreh- und Angelpunkt die vielseitigen Spielplätze in Burgweinting. Beide nennen als Begegnungsorte ebenso die Feste und Sportveranstaltungen, sowie den Wochenmarkt. Letzterer wird laut Elias jedoch hauptsächlich von den Alteingesessenen Burgweintinger:innen als Interaktionsort wahrgenommen.
Wie viel Nachbarschaft darf es sein?
Nachbarschaft ist eine der wenigen Verbindungen, die man sich meist nicht aussuchen kann. Entkommen kann man diesen Kontakten lediglich durch einen Umzug. Einer ‚guten Nachbarschaft‘ werden viele positive Funktionen zugeschrieben, beispielsweise gegenseitige Nothilfe, Unterstützung im Alltag und die Entstehung von Gemeinschaft. [5] Aber inwiefern entspricht das Klischee, dass man immer beim Nachbarn für das fehlende Ei für den Sonntagskuchen klingeln kann der Realität? Inwiefern kann man davon ausgehen, dass der Kontakt zu den Nachbarn angestrebt wird?
Elias zog den Vergleich zu seiner Kindheit in Griechenland und erklärte, dass er es schade fände, dass in Burgweinting keine Nähe zu den direkten Nachbarn bestehe. In seiner Kindheit sei ein reger Austausch der Standard gewesen und jeder hätte jeden gekannt.
Lena schüttelte energisch den Kopf, auf die Frage, ob sie in der Stadt aufgewachsen sei. Sie käme vom Dorf, meinte sie schmunzelnd.
„Also dadurch, dass das Dorf so klein war, kanntest du auch wirklich jeden jeden. […] Das ist jetzt in Burgweinting auf jeden Fall nicht so, auch wenn es natürlich ein Stadtteil ist und kleiner und würde schon sagen auch bisschen familiärer als jetzt Stadt Regensburg, aber trotzdem im Vergleich zu einem Dorf deutlich anonymer. […] [I]ch glaube, ich hätte es eher anstrengend gefunden, wenn jeder irgendwie jeden kennt und so dieser Dorftratsch. Das hätte ich jetzt nicht gebraucht.“
Interviewtranskription Lena M. ( 23 / Lehramtsstudentin), Regensburg, 03.08.2025, geführt von: Johanna Panradl. (12:21-13:15min).
Nachbarschaft – ein vielschichtiges Phänomen
Die unterschiedlichen Positionen der beiden Studierenden verdeutlichen, wie individuell abhängig die Vorstellungen und Wünsche für das eigene nachbarschaftliche Umfeld sind. Faktoren wie Alter, Lebenssituation und Selbstständigkeit beeinflussen das Bedürfnis nach Nähe oder Distanz. Man beachte, dass für diesen Beitrag eine spezifische Personengruppe befragt wurde. Für ältere Mitmenschen und Kinder oder auch Alleinerziehende hat Nachbarschaft möglicherweise wiederum eine andere Relevanz.
Nachbarschaft ist ein dynamisches und vielseitiges Phänomen, dass in Verbindung mit vielen Aspekten bereits untersucht wurde und noch untersucht werden wird. Die hier angefangene Forschung bildet einen vielversprechenden Ausgangspunkt. Aussagekräftigere Erkenntnisse könnten erzielt werden, wenn die Untersuchung durch weitere Interviews und eine umfassendere Literaturrecherche weitergeführt wird.
Referenzen
[1] Vgl. Pfeifer, Wolfgang (Hg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Berlin 1993, S. 906.
[2] Siebel, Walter: Nachbarschaft. In: weiter denken. Journal für Philosophie 13, 26 (2015), S. 11-17, hier: S.11.
[3] Vgl. Besmer, Christina: Quartier und Nachbarschaft machen. Eine stadtethnographische Untersuchung in Basel über (Re-)Produktionen lokaler Räume und Sozialitäten. (culture [kylty:r] Schweizer Beiträge zur Kulturwissenschaft, Band 10). Münster/New York 2024, S.89-109.
[4] Siebel, Walter: Nachbarschaft. In: weiter denken. Journal für Philosophie 13, 26 (2015), S. 11-17, hier: S.14.
[5] Lingg, Eva/ Reutlinger, Christian/Stiehler, Steve (Hg.): Soziale Nachbarschaften. Geschichte, Grundlagen, Perspektiven. Wiesbaden 2015, S.11-22.
Interviews
- Interview mit Lena M. (23 / Lehramtsstudentin), Regensburg, 03.08.2025, geführt von: Johanna Panradl.
- Interview mit Elias K. (22 / Architekturstudent), Regensburg, 15.07.2025, geführt von: Johanna Panradl.

