Erholung oder Arbeit? Über die Funktionen suburbaner Gärten rund um Regensburg

Erholung oder Arbeit? Über die Funktionen suburbaner Gärten rund um Regensburg

Man stelle sich einen bayerischen kleinen Vorort vor. Läuft man durch die Straßen begegnet einem nicht selten Folgendes: Doppelhaushälften oder freistehende Häuser, ein Verkehrsschild, das vor spielenden Kindern warnt, ein Hund, der laut und deutlich sein Grundstück bewacht, kleine Dekorationselemente vor den Haustüren, Autos in den Einfahrten oder unter Carports geparkte Autos und irgendwo im Hintergrund hört man Kindergeschrei.Mit großer Wahrscheinlichkeit werden auch Gärten ins Auge fallen, die in verschiedenen Größen, Verwilderungszuständen und Spielzeug-zu-Rasenfläche-Verhältnissen vorhanden sind. Wenn man nun die Kulturwissenschaftler*innen-Brille aufsetzt und den Fokus auf den Alltag und die Identität der Menschen im Speckgürtel rund um Regensburg legt, ergeben sich unzählige, interessante Forschungsfelder in Bezug auf das Thema Raum. Als Beispiel sind hier die Stichwörter Mobilität, Freizeitangebote und auch Architektur zu nennen. Früher oder später wird man auch auf einen Aspekt stoßen, der viele Bewohner*innen dieser so genannten „Suburbs“ beschäftigt: der Garten. Deswegen soll dieser Beitrag sich um den Garten und seine Funktion im Leben der Menschen rund um Regensburg drehen. Wofür haben die Menschen einen Garten? Was tun sie in ihrem Garten? Wie beeinfluss der Garten ihren Alltag?  Auf diese Fragen werden im Folgenden erste Antworten gegeben. Der sich ergebende relativ homogene Befund war überraschend. Viele Erwartungen bezüglich der Funktion, die ein Garten im Leben der Menschen in den Suburbs von Regensburg spielen kann wurden durch meine Interviews bestätigt.

Die Erkenntnisse geschahen auf der Grundlage von zwei leitfadenorientierten Interviews und deren Auswertung. Jene Form des qualitativen Interviews wird verwendet, wenn es sich um einen komplexen Themenbereich handelt, von dem aber nur ein vorher eingegrenzter Bereich zur Sprache kommen soll. Aufgrund des kleinen Rahmens dieser Forschung beansprucht dieser Beitrag keine Vollständigkeit. Außerdem muss bei qualitativen Interviews stets berücksichtigt werden, dass es sich dabei um „Deutungen, Meinungen und subjektive Aussagen“1 handelt. Um tatsächliche Aussagen über alltägliche Ausdrucksweisen treffen zu können, werden jene Interviews oft zusammen mit teilnehmenden Beobachtungen durchgeführt.

Raum zur Freizeitgestaltung und Erholung 

Spielplatz, Eventlocation oder Entspannungsoase? Wenn es das Wetter und die Jahreszeit erlauben, scheint der suburbane Garten ein beliebter Raum für die Freizeitgestaltung ihrer Besitzer*innen zu sein. Zumindest lassen die Beschreibungen der zwei Gärten dies vermuten. Die Existenz diverser Sitzgruppen, Kinderspielzeug oder Badegelegenheiten können hier als Beleg angeführt werden. Für Haushalte mit Kindern kann er beispielsweise ein Spielort für die kleinen Mitbewohner*innen sein. Bei der Gartengestaltung wird dann das Augenmerk auf eine kindergerechte Einrichtung gelegt. Hierzu gehören einerseits die Anschaffungen von mehreren altersgerechter Spielgeräten und andererseits auch nur eine große Rasenfläche, die zusammen einen Raum ermöglichen, in dem das Kind seine Fantasie ausleben kann und der dem infantilen Bewegungsdrang gerecht wird.2 Außerdem geht aus den Interviews hervor, dass der Garten ein Raum für soziale Begegnungen der Kinder sein kann, wenn zum Beispiel Nachbar*innen oder Freund*innen zu Besuch kommen. Aber nicht nur Kinder, sondern auch erwachsene Bewohner*innen begegnen sich im Garten. Gerne werden hier Feste gefeiert und dafür Freund*innen und Familie eingeladen. 3

Ebenso beliebt ist der Garten für ein auf den ersten Blick gegensätzliches Beziehungsgefüge: Entspannung und Arbeit. Einerseits finden sich in den Gärten meiner Gesprächspartner*innen Liegen, Hängematten und Stühle, um sich dort auszuruhen. Andererseits werden Beete angelegt, gepflegt und Pools oder Teichs in Stand gehalten. Beides, Entspannung und Gartenarbeit haben aber die gleiche Funktion: der Ausgleich zum Arbeitsalltag. Diese Arbeit im heimischen Garten. In dieser Aussage sind sich meine Gesprächspartner*innen einig.4

Aus einem meiner Gespräche kam hervor, dass der Stellenwert des Gartens in der Familie durchaus stark variieren kann. 

„Ich glaube, wenn man meine Familie fragt, was für eine Bedeutung für sie der Garten hat, wird wahrscheinlich jeder was anderes sagen. Mein Vater verbringt so gut wie gar keine Zeit im Garten, also außer es gibt mal ein Mittagessen da oder so, oder es wird gegrillt oder es kommt irgendwie Besuch. Und auch mein Bruder ist jetzt so nicht so oft im Garten, außer er macht jetzt mal eine Party. Ganz anders meine Mutter, für sie ist der Garten ihr Ein und Alles, sie liebt den Garten, sie mäht gerne rasen, kümmert sich gerne um die Pflanzen. Manchmal sagt sie es ist schon viel Arbeit, aber es ist einfach wichtig, dass es sehr schön ausschaut und sie verbringt einfach gerne Zeit damit, sich um die Pflanzen zu kümmern und da eben eine schöne Ästhetik zu schaffen. Also für jeden in der Familie hat der Garten eine andere Bedeutung.“ 5

Während der eine Gesprächspartner sagt, dass der Garten eine große Bedeutung für die ganze Familie hat, erklärt mir meine andere Gesprächspartnerin, dass sie durchaus Unterschiede wahrnimmt in der Bedeutsamkeit des Gartens für jedes einzelne Familienmitglied. Es lässt sich konstatieren, dass innerhalb des sozialen Gefüges einer Familie unterschiedlichen Wertigkeiten des Gartens vorliegen können.

Garten und Ernährung 

Ob als Selbstversorger*in im kleinen Stil oder als Ort, um zusammen Mahlzeiten einzunehmen – ein Garten kann Einfluss auf die alltägliche Ernährung der Gartenbesitzer*Innen nehmen. Die Gartenarbeit dient nicht nur als Freizeitbeschäftigung und Verschönerung des Gartens, sondern kann auch wortwörtlich Früchte tragen. „Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten schmeckt immer noch am besten.“, Diesen oder ähnliche Sätze hört man immer mal wieder. Auch wenn das Ziel hierbei nicht die vollkommene Selbstversorgung sein muss, macht es Gartenbesitzer*innen trotzdem Spaß, Früchte für den eigenen Verzehr anzubauen. Die Zubereitung des geernteten Gemüses oder von anderen Lebensmitteln findet dann gerne vor allem im Sommer auf dem Grill statt. Also kann der Garten nicht nur auf die Nahrungsbeschaffung Einfluss nehmen, sondern auch auf deren Verarbeitung. Letztlich ist der Garten auch ein Ort, um Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Hierfür kann klassisch eine Terrasse mit Esstisch dienen, aber in meinen Gesprächen wurden auch andere, kleinere Plätze genannt, wie eine Loungeecke oder ein Gartentisch. Sowohl Frühstück, Mittag- als auch Abendessen werden hier gerne verzehrt, aber, wie so oft beim Thema Funktion des Gartens, nur bei gutem Wetter.  

Ästhetische Funktion 

Aber wie kommt es, dass Bewohner*innen sich so gerne in ihrem jeweiligen Garten aufhalten? Bei der Betrachtung der Gärten kommt die Vermutung auf, dass das Erscheinungsbild des Gartens hier eine Rolle spielen kann. Egal ob selbst angelegt oder übernommen – die Gestaltung des eigenen Gartens stellt für manche Hobbygärtner einen wichtigen Aspekt rund um das Thema Garten dar.  Der heimische Garten erfüllt also auch eine ästhetische Funktion. Neben den genannten Gründen sich während der Freizeit im Garten aufzuhalten, wurde mir noch ein weiterer vermittelt: den Anblick genießen.

„[…] man sitzt halt dann am Abend vor allem draußen auf der Terrasse und genießt den Garten.“6

Dies macht laut Aussage meiner Gesprächspartner*innen nach getaner Arbeit am meisten Spaß. Ein sichtbares Endprodukt zu haben, nachdem man Zeit und Schweiß investiert hat ist offenbar auch eine Motivation beziehungsweise ein Motiv für Gartenarbeit.7 Außerdem sind die Personen damit in der Lage den Garten nach dem eigenen Geschmack zu gestalten. Für die eine bedeutet das zum Beispiel ein ordentlich angelegter Rosenbogen und Zierteich und für den anderen eine eher wilde, gesäte Blumenwiese und Staudenbeete. Somit bietet der Garten die Möglichkeit den eigenen Geschmack beziehungsweise einen Teil des Lebensstils, darzustellen.  

„Lebensstile […] sind jene spezifische und eigenständigen Ausdrucksformen, sich und anderen gegenüber sozialer und mentaler Zugehörigkeit zu vermitteln, Identität durch Differenz und Distinktion, durch Aneignung und Abgrenzung, durch Einschluß und Ausschluß zu sichern. Sie sind sowohl Produkte eines kulturellen Eigensinns als auch Symptome des Anpassungsdrucks.“8

Seit Ende des 20. Jahrhunderts, als es durch die Entwicklungen des beendeten Jahrhunderts zu dem scheinbaren Zusammenbruch traditioneller Lebenswelten kam, lässt sich eine zunehmende Pluralisierung der Lebensstile feststellen.9 Zwar hatten die Menschen nun allem Anschein nach eine komplette Freiheit in der Wahl ihres Lebensstils, jedoch geht aus der gegebenen Definition hervor, dass Lebensstile auch einen Anpassungsdruck mit sich bringen. Die steigende Individualisierung der Menschen führte aufgrund dieses Zwanges doch wieder zu einem Zusammenschluss in Milieus.

„Der Begriff ‚Milieu‘ schließt eine weitgehend gemeinsame Lebensbedingung und eine ähnliche innere Haltung ein, aus denen sich ein gemeinsamer Lebensstil entwickelt; er inkludiert kulturdeterminierte und -stiftende Aspekte der Lebensstile.“10

Für den vorliegenden Forschungsbestand heißt das, dass die Besitzer*innen einerseits in der Gestaltung ihrer jeweiligen Gärten möglicherweise ihren  individuellen Geschmack darstellen, aber auf der anderen Seite durch ihre Wahl Zugehörigkeit und Abgrenzung zu anderen Personengruppen zeigen. Es stellt sich folgende Frage: Haben Gärten im suburbanen Raum um Regensburg eine identitätsstiftende Funktion, indem sie den eigenen Lebensstil widerspiegeln? Um aussagekräftige Antworten darauf zu finden und Schlüsse ziehen zu können, müsste man jedoch mehr Gespräche führen und insgesamt eine intensivere Forschung betreiben.  

Praktische Funktionen 

Neben all diesen Funktionen erfüllt der Garten auch ein paar praktische Funktionen, die nicht vernachlässigt werden sollten, jedoch nicht als primäre Funktionen zu identifizieren sind. Hierzu gehört ein Raum für den eigenen Komposthaufen und die Verfügbarkeit eines Naherholungsortes neben dem Haus. In Regensburg müssen Bioabfälle, sowie der Rest des anfallenden Hausmülls, getrennt entsorgt werden.11 Hierzu gehören Speise- und Küchenreste, deren Entsorgung auch im privaten Ramen geschehen kann, weshalb Komposthaufen in suburbanen Gärten keine Seltenheit sind. Zum einen erspart sich die oder der Gartenbesitzer*in den Weg zur Grünabfallsammelstelle, wo sie sonst ihren Gartenabfall beseitigen müsste und zum anderen spart er oder sie sich Kosten für eine Biotonne. Ein weiterer Vorteil eines eigenen Gartens am Haus ist auch die Nähe und Verfügbarkeit eines Raumes in der Natur. Besitzer*Innen müssen weder in das Auto steigen, um zur nächsten Grünfläche zu fahren, noch müssen sie sich an Öffnungszeiten von Parkanlagen oder Ähnlichem halten. Dieser praktische Aspekt wurde vor allem von einer Gesprächspartnerin mehrmals betont. Ähnlich verhält es sich mit dem bereits erwähnten inbegriffenen Spielplatz, der für Eltern viel Zeit spart, wenn das Kind zum Beispiel schaukeln oder rutschen will. Hat man nun seine eigene Schaukel oder Rutsche im Garten stehen, muss man nur die Tür öffnen, anstatt mit dem Kind den nächsten Spielplatz anzusteuern. So kann man auch einfacher den Bedürfnissen mehrerer Familienmitglieder gerecht werden.  

Erkenntnisse 

Zusammenfassend lassen sich also erste Ansätze erkennen, welche Funktionen der Garten im suburbanen Raum um Regensburg für seine Besitzer*innen trägt. Er ist zum einen ein beliebter Ort, um seine Freizeit zu verbringen: sei es mit Gartenarbeit, Festen oder zum „Chillen“5. Jedoch fällt auf, dass es hierbei zu Unterschieden innerhalb der Bewohner*innen kommen kann. So hat der Garten selbst innerhalb einer einzigen Familie heterogene Funktionen. Zum anderen kann er eine Funktion in Beziehung zur Ernährung der Menschen haben. Zum Beispiel durch den eigenen Anbau oder als Raum, um Mahlzeiten zu zubereiten oder zu sich zu nehmen. Der suburbane Garten kann darüber hinaus eine Möglichkeit sein, den eigenen ästhetischen Geschmack und Lebensstil auszudrücken. Zuletzt erfüllt er praktische Funktionen in der Müllentsorgung oder als Naherholungsort direkt zu Hause. Wie bereits angedeutet gibt es aber noch viele offene Fragen in diesem Themenkomplex, die man durch mehr Forschung beantworten könnte.  

  1. Schmidt-Lauber, Brigitta: Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens. (Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie, 2). Berlin 2007, S. 172. ↩︎
  2. Interviewtranskription Rudolf Moser (Mitte Fünfzig/Chemie Ingenieur), Niedertraubling, 17.07.2025, geführt von: Marie Teckenberg, 00:10:19-00:11:10. ↩︎
  3. Vgl. Interviewtranskription Magdalena Leitner (Anfang Zwanzig/ Studentin), Regensburg, 26.06.2025, geführt von: Marie Teckenberg, 00:04:37-00:05:05. ↩︎
  4. Vgl. Interviewtranskription Rudolf Moser (Mitte Fünfzig/Chemie Ingenieur), Niedertraubling, 17.07.2025, geführt von: Marie Teckenberg, 00:08:26-00:09:08. ↩︎
  5. Interviewtranskription Magdalena Leitner (Anfang Zwanzig/ Studentin), Regensburg, 26.06.2025, geführt von: Marie Teckenberg, 00:09:40-00:10:24. ↩︎
  6. Interviewtranskription Rudolf Moser (Mitte Fünfzig/Chemie Ingenieur), Niedertraubling, 17.07.2025, geführt von: Marie Teckenberg, 00:05:22-00:05:53. ↩︎
  7. Interviewtranskription Rudolf Moser (Mitte Fünfzig/Chemie Ingenieur), Niedertraubling, 17.07.2025, geführt von: Marie Teckenberg, 00:08:31-00:09:08. ↩︎
  8. Katsching-Fasch, Elisabeth: Möblierter Sinn. Städtische Wohn- und Lebensstile (Kulturstudien, 24). 1. Wien/Köln/Weimar 1998, S. 39. ↩︎
  9. Katsching-Fasch, Elisabeth: Möblierter Sinn. Städtische Wohn- und Lebensstile (Kulturstudien, 24). 1. Wien/Köln/Weimar 1998, S. 59.  ↩︎
  10. Katsching-Fasch, Elisabeth: Möblierter Sinn. Städtische Wohn- und Lebensstile (Kulturstudien, 24). 1. Wien/Köln/Weimar 1998, S. 42.  ↩︎
  11. Vgl. Stadt Regensburg. Mülltrennung in Regensburg. Unter: https://www.regensburg.de/leben/umwelt/abfall-und-recycling/muelltrennung.  ↩︎